14.10.2016
Verfasst von
Inga Höltmann

Warum wir einen Kulturwandel brauchen

Kulturwandel ist auch nicht mehr das, was er mal war: Warum wir auch unsere Vorstellung von dem, was Kulturwandel eigentlich ist, erneuern müssen. 

 

„Alles beim Alten?“, fragt Robert Franken mit Blick auf einen HR-Kreis von Acatech und der Jacobs Foundation, auf den er über Twitter gestoßen war. In diesem Kreis wolle man „hochrangige Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft zu einem vertraulichen Strategiedialog zur Sicherung innovationsrelevanter Kompetenzen in Deutschland zusammenbringen“, zitiert Franken aus der Satzung. Mit Blick auf die Teilnehmer fragt er daraufhin: „Warum sprechen hier wieder einmal nur die Etablierten über unsere Zukunft? Warum erhalten die üblichen Verdächtigen erneut eine fast hermetisch abgeschlossene Möglichkeit ihren Interessen politischen Einfluss zu verschaffen? Sie waren und sind es doch, die den Status Quo zu verantworten haben.“

Als ich das las, wurde mir bewusst, dass ich kürzlich ein ähnliches Erlebnis hatte. Einer meiner Auftraggeber hatte jüngst eine interne Arbeitsgruppe installiert. Medienwandel und so, ya know. Ich fand das nicht nur absolut notwendig, sondern auch noch sehr spannend und nahm deshalb an der Auftaktsitzung teil.

 

„Wie sind wir überhaupt in diese Situation geraten?“

In meiner grenzenlosen Naivität war ich davon ausgegangen, dass konkreten Ideen, was man denn jetzt so anstellen könnte, erst einmal eine Debatte über das Wie vorausgeschickt würde: Wie wollen wir in Zukunft zusammen arbeiten? In welche Strukturen wollen wir unsere neuen Projekte einbetten? Wie sind wir überhaupt in diese Situation geraten? Denn natürlich war diese Arbeitsgruppe keine reine Spaßveranstaltung, auf ganz konkrete (und gar nicht mal so kleine) Probleme sollten hier Antworten gefunden werden.

Doch was im Kern diese Probleme hervorgerufen hatte, darüber wurde nicht gesprochen, nicht einmal ansatzweise. Stattdessen sollten so schnell wie möglich Produkte her, die die Risse im Gebälk notdürftig übertünchen sollten. In der Sitzung wurde nach Lösungen gesucht, die niemandem weh tun würden und die vor allem niemandes Status antasten würden.

 

Der digitale Wandel kann weh tun

Ja, auch hier würde alles beim Alten bleiben, das war mir klar, als ich aus der Sitzung kam. Digital arbeiten heißt eben nicht, digital distribuierbare Produkte zu erfinden, sondern es ist zuallererst eine Reflexion darüber, wie man miteinander arbeiten will, was in der Vergangenheit gut lief, was schlecht lief und auch Neuerungen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Es ist eine Absage an Stillstand, an fixe Strukturen, ein vehementes Good-bye zum „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Der digitale Wandel kann weh tun. Und er tut naturgemäß am allermeisten denen weh, die am meisten zu verlieren haben – nämlich die, die sich in den alten Strukturen ganz gut eingerichtet haben. Und so beschlich mich in dieser Sitzung das Gefühl, dass die meisten durchaus von einem aufrichtigen Interesse und einer ernsten Sorge geleitet wurden – doch sie wollten etwas Neues, ohne sich vom Alten zu verabschieden. Sie wollten Teile des Neuen irgendwie in die alten Strukturen integrieren. Sie hatten immer noch nicht verstanden, wie tiefgreifend die Umwälzungen sind, die wir gerade erleben.

 

Die Vergangenheit denkt binär

Förderprogramme für irgend eine vermeintliche Minderheit aufzusetzen, Gleit- oder Teilzeitmodelle einzuführen oder eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, die jetzt mal mitreden darf, das ist ja alles schön und gut. Doch wenn es nicht eingebettet ist in die Erkenntnis, dass wir auch die Strukturen drum herum verändern müssen, wird all das verpuffen.

Übrigens wurde mir nach der Auftaktsitzung freundlich, aber durchaus eindeutig mitgeteilt, dass mir als Freie eigentlich kein Platz darin zusteht. Feste und Freie, Frauen und Männer oder auch einfach nur oben und unten – so binär denkt nur die Vergangenheit. Ich respektiere diese Entscheidung, doch sie hat meine Zweifel an dieser Form der Lösungsfindung eigentlich nur genährt.

 

Quasselrunden bringen uns nicht voran

Ich glaube wirklich, dass auch die Herren und wenigen Damen der Acatech-Initiative “HR-Kreis” von einer aufrichtigen Intention getrieben werden. Nur: Sie sind auch die Nutznießer des „alten“ Systems. Wenn sie nicht schon auf dem Weg dorthin umsetzen, was sie als ihr Ziel vorgeben, werden sie scheitern.

Wir sind mittlerweile an einem Punkt, an dem wir einen Wandel des Kulturwandels brauchen. Ja, wirklich.

„Kulturwandel“ wird doch mittlerweile allzu oft in fancy Gleitzeit und eine Betriebskita gemäntelt, das tut ja auch keinem weh und man kann es in seine Stellenausschreibung schreiben. Lasst uns Kulturwandel neu beleben und vor allem akzeptieren, dass er wirklich weh tun kann, das vielleicht auch muss. Quasselrunden, in denen bekannte Gesichter bekannte Dinge sagen, bringen uns schon lange nicht mehr voran.

 

Dieser Blog-Post erschien ursprünglich am 26. April 2016 auf www.ingahoeltmann.de